Inhalt

„Alle Arten residualer oder künstlicher, imaginärer oder symbolischer Territorialitäten richtet der Kapitalismus ein, wenn er nicht alte restauriert, um auf ihnen, mehr schlecht als recht, die von den abstrakten Quantitäten abgeleiteten Personen neuerlich zu codieren und abzustempeln. Alles passiert wieder Revue: die Staaten, die Vaterländer, die Familien. Das ist es auch, was den Kapitalismus in seiner Ideologie zu diesem «kunterbunten Gemälde von alldem, was geglaubt worden ist «werden» ließ. Das Reale ist nicht unmöglich, nur wird es immer künstlicher.“
Gilles Deleuze/Félix Guattari: Anti-Ödipus, Kapitalismus und Schizophrenie I, 1977

„Kein Pfad mehr! Abgrund rings und Todtenstille!“ –
So wolltest du‘s! Vom Pfade wich dein Wille!
Nun, Wandrer, gilt‘s! Nun blicke kalt und klar!
Verloren bist du, glaubst du – an Gefahr.
Friedrich Niezsche: Die fröhliche Wissenschaft, „Scherz, List und Rache“, 1887

Der Pfad zur linken Hand als Begriff entstammt der indischen Mythologie und bezeichnet religiöse und weltliche Praktiken, welche dem etablierten, homogenen, dem „rechten“ Glauben gegenüberstehen. Im Westen wird der Begriff für die Bezeichnung von Denkweisen verwendet, die sich mit dem Widersächlichen, Oppositionellen beschäftigen – oftmals ist auf dem Pfad zur linken Hand der Teufel höchstpersönlich Weggefährte. Die Hörerinnen und Hörer des GPS-Hörspiels Der Pfad zur linken Hand werden auf Denkpfade geführt, die entlang einer grundlegenden Opposition „gegen die Verhältnisse“ in einer „Post-alles“- Gesellschaft verlaufen, deren sozialer und ökologischer Fortschritt der Installation von globalen, neofeudalen Machtstrukturen zu erliegen droht.

Mit den Wirtschafts- und Terrorkrisen der letzten Jahre scheint sich konservatives Denken in der Welt zu reinstallieren: Rechte Politik und ihre Ausgrenzungsbestrebungen im Wohlstandsgefälle, sei es über nationale/ethnische Identität oder religiöse Ansichten, werden wieder salonfähig. Eine Renaissance konservativer und religiöser Heilsversprechungen übertönt rationale Diskurse darüber, wie wir unser Leben führen wollen und wie sich die Gesellschaft weiter entwickeln soll – im Westen wie im Osten, auf dem Land wie in der Stadt. Heute zeigt sich ein von der Omnipräsenz monetärer Beziehungen geprägtes Gesellschaftsbild, in dem die Dichte der in ihm versammelten Mythen unüberschaubar, zum eigentlichen Dickicht geworden ist und wo Macht, Geld und Glaube ineinander diffundieren – der (post-) postmoderne, globale Kapitalismus ist zu dem von Deleuze/Guattari‘s gemalten, unüberschaubaren, kunterbunten Gemälde, von alldem, was geglaubt worden ist, geworden.

Die Frage, worin heutzutage aufklärerische Prozesse – damit sind gesellschaftliche Bewusstseinsprozesse gemeint, die Machtverhältnisse offenlegen und überwinden – bestehen müssten, stellt sich mit Dringlichkeit. Wenn als Emergenz des künstlerischen Systems des Pfads zur linken Hand ein „luziferischer“ Geist aufscheint, so tritt dieser als aufklärerischer Archetyp, als Gegenspieler und Aufbegehrer auf den Plan, der in seiner Polemik und seinem Scheitern an den Verhältnissen die Hörerinnen und Hörer zu einer Sache ganz konkret auffordern will, nämlich der Grundforderung der Aufklärung schlechthin, wie sie Kant bereits mit seinem sapere aude! – Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! formuliert hat. Auf dem Pfad zur linken Hand stellen sich grundlegend aufklärerische Fragen: In welcher Gesellschaft leben wir? Wollen wir so leben? Wie können wir unser Schicksal gemeinsam bestimmen? Im Hörspiel werden diese Fragen von Figuren aufgeworfen, die sich durch ihre oppositionelle Haltung gegenüber ihrem Umfeld auszeichnen: Künstler, politisch Radikale, Intellektuelle, Sektengurus, Trinker, Ausgebeutete, Alternative. Der Pfad zur linken Hand ist ein Irrgarten. Meinungen sind hier in ihrer Vielzahl vertreten. Doch welche Denkpfade führen aus Sackgassen? Finden die Hörer/innen ihren eigenen Weg aus diesem Labyrinth des Denkens?

Basisstation in der Shedhalle Zürich

© 2014 Der Pfad zur linken Hand Suffusion theme by Sayontan Sinha